Hintergrundinformationen
ODF und Open XML im Vergleich
Seit Anfang Dezember existieren zwei offizielle Standards
für digitale (Office-)Dokumente:
Das von der International Organization for Standardization (ISO)
verabschiedete OpenDocument-Format (ODF) und das von der
European Computer Manufacturers Association (Ecma)
veröffentlichte Format Office Open XML, nachfolgend kurz "Open XML" genannt.
Beide Standards haben sich auf die Fahnen geschrieben, die
Interoperabilität zwischen
den Anwendungen unterschiedlicher Hersteller zu verbessern.
Im Detail unterscheiden sich die beiden Standards jedoch
erheblich. Aber welcher der beiden Standards ist für
den Unternehmenseinsatz besser geeignet?
Was ist ein Standard?
Um einer Antwort näher zu kommen, ist es hilfreich, den
Begriff "Standard" näher zu definieren. Zentrale Frage
ist hierbei: Was macht
einen guten Standard eigentlich aus?
Das British Standards Institute definiert einen
Standard wie folgt:
"Ein Standard ist ein öffentlich
zugängliches technisches Dokument, das unter Beteiligung
aller interessierter Parteien entwickelt wird und deren
Zustimmung findet. Der Standard beruht auf Ergebnissen aus
Wissenschaft und Technik und zielt darauf ab, das Gemeinwohl
zu fördern." (Übersetzung aus der Enzyklopädie
Wikipedia)
Entfernt man sich nun ein wenig von dieser allgemeinen Ebene
und wendet sich dem spezielleren Bereich der
Informationstechnologie (IT) zu, stellt man fest, dass an einen
Standard in diesem Bereich weitere Anforderungen gestellt werden
müssen, wenn er von praktischem Nutzen sein soll.
Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die international
akzeptierten und sehr weit verbreiteten Internet-Standards. Sie
regeln so wichtige Bereiche wie die E-Mail-Kommunikation
oder das Zusammenspiel von Web-Browser und -Server. Die
Internet-Standards sind dem Standardisierungsprozess der Internet Engineering Task Force (IETF) unterworfen,
der in dem Dokument RFC 2026 ausführlich beschrieben ist.
Dieser Standardisierungsprozess der IETF stellt eine Vielzahl
weiterer Anforderungen an ein technisches Dokument bzw.
die darin beschriebenen Verfahren, wenn dieses einmal zu
einem Internet-Standard erklärt werden soll
(notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen).
Eine besonders wichtige Forderung sei an dieser Stelle
explizit genannt: Die Forderung nach mindestens zwei
unabhängigen und interoperablen Implementierungen des
beschriebenen Standards (vgl. Abschnitt 4.1.2 "Draft Standard" im
o. g. RFC).
Einen guten Standard zeichnen somit vor allem vier Dinge aus:
-
Er wird durch ein öffentlich zugängliches,
technisches Dokument definiert, das von allen interessierten
Parteien gemeinsam entwickelt wurde,
-
er dient dem allgemeinen Wohl,
-
es existieren mindestens zwei unabhängige und
interoperable Implementierungen von ihm und
-
der Standardisierungsprozess ist effektiv und praxistauglich.
ODF und Open XML als Standards
Wie sind nun die Standards ODF und Open XML vor diesem Hintergrund
zu bewerten? Bei einem Vergleich zwischen den beiden Standards
fällt zunächst die unterschiedliche
Bedeutung der beteiligten Standardisierungsgremien auf. Die
1961 gegründete Ecma ist ein von Unternehmen ins Leben
gerufenes, europäisches Gremium, das international operiert
und dem ausschließlich Unternehmen angehören. Viele
Standards, welche die Ecma in der Vergangenheit verabschiedet
hat, wurden der ISO zur Standardisierung vorlegt. Insgesamt hat
die Ecma etwas über 300 Standards verabschiedet; zu rund 200
dieser Standards existiert eine korrespondierende ISO-Norm.
Sie spielt damit in einer anderen Klasse, als die ISO, die inzwischen
mehr als 16.000 internationale Standards verabschiedet hat und der
praktisch jede nationale Normungsorganisation auf der Welt
angehört. Das von der Ecma veröffentliche
Dokument "Ecma and ISO, a well matched pair of actors: Collaboration for the common good."
geht im Abschnitt "Mutually beneficial" (Seite 2) auf
Unterschiede zwischen der ISO und der Ecma ein und erläutert
kurz die unterschiedlichen Zielsetzungen der beiden Organisationen
aus Sicht der Ecma.
Punkt 1 und 2 der o. g. Anforderungen an einen Standard werden
somit von dem ISO-Standard ODF wesentlich besser erfüllt, als von dem
Ecma-Standard Open XML. Zumal hierbei zwei wichtige Aspekte
nicht außer Acht gelassen werden dürfen:
-
Die Firma Microsoft, der Erfinder von Open XML, gehört
selbst der OASIS, an – einem internationalen Konsortium, das
ODF schon früh verabschiedet und dessen ISO-Zertifizierung
voran getrieben hat.
-
Internationale Experten vertreten die Ansicht, dass von ODF keine
Patentrisiken ausgehen. Bei Open XML ist dieser Punkt keineswegs
geklärt.
Die Bewertung von Punkt 3 geht ebenfalls klar zu Gunsten von ODF
aus, weil ODF bereits von mehr als einem Dutzend
Anwendungen unterstützt wird. Von Open XML hingegen
existiert aktuell nur eine Implementierung und diese stammt vom
Erfinder von Open XML. Weitere Implementierungen von Open XML
in Form von Import-Filtern sind in Planung (wobei ein Import-Filter
natürlich keine vollständige Implementierung darstellt).
Punkt 4 ist schwer zu bewerten. Für die Verfahren der ISO
sprechen über 16.000 internationale Standards, darunter so essentielle
Normen wie das Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001,
das Informationssicherheits-Managementsystems ISO 27001
oder auch die Gewinde-Norm für das metrische ISO-Gewinde,
um auch einmal ein Beispiel zu nennen, das nicht einmal indirekt
mit der Informationstechnik zu tun hat.
Der Standardisierungsprozess der ISO führt somit zu einem
praxistauglichen Ergebnis, dass international anerkannt und
intensiv genutzt wird. Gleiches kann aber auch der
Standardisierungsprozess der Ecma für sich in Anspruch nehmen,
denn die Ecma hat selbst sehr wichtige Standards im Bereich der
Informationstechnik (IT) verabschiedet, die später
internationale Gültigkeit erlangt haben. Zu nennen
wäre hier beispielsweise der Standard Ecma-94, der von der ISO als Standard
ISO 8859-1 bis -4 verabschiedet wurde. Er definiert die 8-bit-Kodierung
der lateinischen Zeichensätze 1-4. Nähere Informationen
zu diesem Thema liefert der Artikel ISO-8859 in der deutschsprachigen, freien
Enzyklopädie Wikipedia. Der Vergleich endet für Punkt 4
daher unentschieden.
Unterschiedliche Zielsetzungen
Vielleicht jedoch zeigen die im Vorfeld definierten Zielsetzungen
für die Entwicklung der beiden Standards noch deutlicher als die
obigen Ausführungen, welches Format einem Standard am ehesten
gerecht wird:
Auszug aus dem Memento zu Open XML:
Scope
The goal of the Technical Committee is to produce a formal
standard for office productivity applications within the Ecma
International standards process which is fully compatible with
the Office Open XML Formats. The aim is to enable the
implementation of the Office Open XML Formats by a wide set
of tools and platforms in order to foster interoperability
across office productivity applications and with
line-of-business systems. The Technical Committee will also
be responsible for the ongoing maintenance and evolution of
the standard.
Auszug aus der ODF-Charta:
Statement of Purpose
The purpose of this TC is to create an open, XML-based file
format specification for office applications.
The resulting file format must meet the following requirements:
1. it must be suitable for office documents containing text,
spreadsheets, charts, and graphical documents,
2. it must be compatible with the W3C Extensible Markup Language (XML)
v1.0 and W3C Namespaces in XML v1.0 specifications,
3. it must retain high-level information suitable for editing the document,
4. it must be friendly to transformations using XSLT or similar XML-based
languages or tools,
5. it should keep the document's content and layout information
separate such that they can be processed independently of each
other, and
6. it should 'borrow' from similar, existing standards wherever possible and permitted.
Bei der Definition von Open XML ging es also primär darum, einen
Standard zu schaffen, der die Kompatibilität zum Open-XML-Format
garantiert (vgl. Einleitung). Das Ziel bei der Entwicklung des ODF-Standards
war es hingegen, einen offenen (Einleitung), XML-Standard-basierten (Punkt 2)
und maximal interoperablen (Punkt 4) Format-Standard für
Büroanwendungen (Punkt 1) zu schaffen, der wann immer
möglich auf bestehenden Standards aufsetzt (Punkt 6).
Fazit: Geht es um die Schaffung eines Standards für Dokumente
– wobei hier die Betonung auf dem Wort "Standard" liegt –
ist ODF wesentlich besser geeignet als Open XML. Bleibt die Frage
zu klären, wie es um die technische Seite bestellt ist. Wie
einfach können Unternehmen ODF bzw. Open XML in eigenen
Anwendungen implementieren? Wie leistungsfähig sind die
beiden Formate?
Technische Qualität
Das Dokument, das den ODF-Standard beschreibt, umfasst rund 700
Seiten. Es ist damit nicht gerade ein Leichtgewicht
und es wird den Firmen, die dieses Format implementieren möchten,
sicherlich einige Ressourcen abverlangen. Überdies ist der
Standard in vielen Bereichen nicht detailliert genug und lässt
zu viel Spielraum für Interpretationen. Allerdings
existieren bereits einige Implementierungen – viele
davon in Form von Open-Source-Software –, so dass sich
diese Schwächen relativieren.
Die Dokumentation, die den Open-XML-Standard beschreibt, darf
ruhigen Gewissens als Mammutwerk bezeichnet werden. Allein der
vierte Teil (PDF-Datei, rund 35 MB) der
Open-XML-Spezifikation mit dem Thema "Markup Language Reference"
umfasst über 5.000 Seiten. Was den Aufwand für eine
Implementierung betrifft, existiert eine aufschlussreiche
Bemerkung von Rick Schaut, einem Entwickler
bei Microsoft, dem Unternehmen, das den Open XML-Standard
entwickelt hat:
"So, one handler per developer, and, on average, it's fair to
assume productivity of one handler per dev per day.
At that rate, a team of 5 developers will implement 25 handlers
a week, which means that we'd have all the XML handlers written
in 44 weeks. Well, a little more than that, because I've
rounded the number of elements down to the nearest 100.
Nevertheless, we have taken a little less than a year to
get the converters reading the new file format. We still are not
writing the new file format, we have the RTF side of things to
worry about, which is actually more complex than the XML side,
and I have completely left out all of the design and coding for
the intermediate representation of the file. The intermediate
representation, itself, is at least 6 to 8 months worth of work."
Direkter formuliert bedeutet dies, dass für die
Implementierung von Open XML mit einem Gesamtaufwand von rund
20 Personenjahren zu rechnen ist. Aber selbst mit diesem
Ressourceneinsatz ist die Implementierung keinesfalls
vollständig, denn einige Zeilen später heißt es
in dem Dokument:
"[...] This is just for Word. We need additional teams
for Excel and PowerPoint [...]."
Derartige Ressourcen stehen manchem Unternehmen, das ODF bereits
erfolgreich implementiert hat, überhaupt nicht zur
Verfügung. Es darf daher als Tatsache angesehen werden, dass
der Implementierungsaufwand von ODF deutlich geringer ist, als
dies bei Open XML der Fall ist.
Woraus resultiert aber der enorme Aufwand bei der Implementierung
von Open XML? Betrachtet man die Open-XML-Spezifikation näher,
stellt man fest, dass Open XML quasi die bestehenden Formate
von Microsoft Office bzw. Microsoft Windows kapselt. Es
geht bei Open XML also nicht um die Definition eines neuen Standards,
sondern um die Beschreibung bislang proprietärer Formate durch öffentliche
Dokumentationen. Besonders deutlich wird dies an dem folgenden
Abschnitt aus der Open-XML-Spezifikation (Abschnitt 3.17.4.1):
For legacy reasons, an implementation using the 1900 date
base system shall treat 1900 as though it was a leap year. [...]
A consequence of this is that for dates between
January 1 and February 28, WEEKDAY shall return a value for the
day immediately prior to the correct day, so that the
(nonexistent) date February 29 has a day-of-the-week that
immediately follows that of February 28, and immediately
precedes that of March 1.[...]
In Kurzform: Der Open-XML-Standard fordert aus "legacy" Gründen
eine Änderung der international gültigen
Zeitrechnung. Die angesprochenen "legacy reasons"
beziehen sich auf einen Fehler in älteren Versionen von
Microsoft Excel. Der Standard (!) definiert also eine
Ausnahmeregelung für eine konkrete, defekte Implementierung
und zwingt alle auf dem Standard basierenden Implementierungen,
den Fehler ebenfalls zu berücksichtigen.
Es gibt in dem o. g. Dokument zahlreiche weitere Beispiele,
die eindrucksvoll - jedoch sehr technisch - zeigen, dass Open XML
vor allem die bestehenden Formate von Microsoft Office kapselt.
Der Artikel "A bit about the bit with the bits" von Robert
Weir legt beispielsweise dar, wie in Open XML untypische und
technisch fragwürdige XML-Definitionen vorgenommen werden,
um Notationen aus der Welt von Microsoft Office/Windows gerecht
zu werden.
Doch nicht allein das Zuschneiden von Open XML auf Microsoft
Office bzw. Microsoft Windows ist ein Grund für den enormen
Implementierungsaufwand für dieses Format. Auch der
Verzicht auf die Integration bestehender internationaler
Standards wie SVG oder MathML zu gunsten eigener Verfahren trägt
einen guten Teil dazu bei.
Darüber hinaus müssen sich die Entwickler von Open XML
eine weitere, grundsätzliche Frage gefallen lassen: Warum
sollten Unternehmen und Privatanwender einen weiteren Standard
(Open XML) akzeptieren, wenn bereits ein internationaler
ISO-Standard (ODF) existiert, der die gleichen Dinge regelt?
Fazit
Im Gegensatz zu ODF ist Open XML weder aus
formaler noch aus technischer Sicht als internationaler Standard
gut geeignet. Open XML wird – als zentrales Format in
Microsoft Office – sicherlich an Bedeutung gewinnen, die
Forderung nach einer möglichst hohen Interoperabilität
und Investitionssicherheit kann Open XML jedoch nicht
erfüllen. Die Chirado OHG empfiehlt daher allen Kunden
den Einsatz des ISO-Formats ODF und wird ODF selbst auch
weiterhin standardmäßig für
sämtliche Dokumentationsprozesse verwenden.
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